Berghof Conflict Research is now part of  Berghof Foundation


Geschichte

Das Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung wurde 1993 in Reaktion auf die veränderte weltpolitische Lage nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gegründet. Die Bezeichnung „Berghof“ im Namen des Forschungszentrums erinnert an das frühere Elternhaus des Gründers der Berghof Stiftung für Konfliktforschung (heute Berghof Foundation), Prof. Dr. Georg Zundel, das sich in der Nähe von Tübingen befindet. Die heutige Berghof Foundation wurde 1971 von Prof. Dr. Zundel unter dem Namen Berghof Stiftung für Konfliktforschungins Leben gerufen.

Vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen im wiedervereinten Deutschland und angesichts aufflammender ethnopolitischer Konflikte, insbesondere in Osteuropa und in der ehemaligen Sowjetunion, entschied die Berghof Stiftung zu Beginn der 1990er Jahre, einen beträchtlichen Teil ihrer Mittel für angewandte Forschung zur Verfügung zu stellen, um zur Beilegung dieser Konflikte beizutragen.

Mit diesem Beschluss beabsichtigte die Stiftung, künftig auch in Kontinentaleuropa einen Schwerpunkt auf die Verbreitung, Anwendung und Diskussion von Konzepten zur Konfliktbearbeitung und Mediation zu setzen, die im englischsprachigen Raum schon seit 1980 eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.

Anfänglich stand in der Forschung insbesondere der Ansatz zur interaktiven Konfliktbearbeitung (Interactive Conflict Resolution, ICR) im Vordergrund. ICR ist eine Workshopmethode, die davon ausgeht, dass eine von einflussreichen Vertretern der Konfliktparteien gemeinsam durchgeführte Konfliktanalyse Grundvoraussetzung für gemeinsame Initiativen zur Überwindung und Transformation von Konflikten ist.
Frühe Projekte, wie der rumänisch-ungarische Dialog oder auch der spätere georgisch-abchasische Dialogprozess „Schlaining“ waren stark in der ICR-Tradition verankert.

Aus den Forschungen zur interaktiven Konfliktbearbeitung wurden zwei wegweisende Einsichten über die Rolle kultur- und machtspezifischer Differenzen gewonnen. Zum einen verstärkte sich die Skepsis gegenüber einer hauptsächlich englischsprachig dominierten politischen Kultur für die Lösung von Konflikten zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen. Zum anderen wurde die Erkenntnis gewonnen, dass fast alle ethnopolitischen Konflikte durch Machtasymmetrien gekennzeichnet sind.

Beide Themen – und ihre Verknüpfung – bildeten in den 1990er Jahren einen zweiten Schwerpunkt des Forschungszentrums. Während sich in den Diskursen im englischsprachigen Raum das Zusammenwirken des makropolitischen und des ICR Ansatzes, bzw. der unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Ebenen, als vorrangiges Schlüsselproblem erwies, wurde dieses Zusammenwirken in Kontinentaleuropa vor allem durch eine staatszentrierte Tradition erschwert. Die Interaktion dieser Ansätze wurde deshalb zum dritten Arbeitsschwerpunkt des Zentrums: Der zivilgesellschaftliche Beitrag zur Friedenskonsolidierung. „Friedensallianzen“ avancierten in diesem Kontext zu einem Schlüsselbegriff, der die Bandbreite von zivilgesellschaftlichen Akteuren in Prozessen der Friedenskonsolidierung umfasste. In letzter Zeit wurde die Begrifflichkeit der „Friedensallianzen“ über die ursprüngliche Deutung hinausgehend ausgeweitet. Nunmehr werden ihnen Vertreter aller Interessengruppen zugerechnet, die aktiv an friedensbildenden Prozessen beteiligt sind.

Einen vierten Schwerpunkt der Arbeit des Forschungszentrums bildete das Schnittfeld zwischen Frieden und Entwicklung. Zunächst konzentrierte sich die Tätigkeit auf die politische Beratung von Entwicklungs- und humanitären Organisationen zur Frage, wie ein Gespür für die Entstehung oder das Vorhandensein von Konflikten entwickelt und Aspekte der Konflikttransformation in die Arbeit solcher Organisationen integriert werden konnten. Mit der Erfahrung dieser Beratungsarbeit im Gepäck, verlagerte sich der Schwerpunkt später auf die grundlegende Erforschung konkreter Maßnahmen, um die beiden Elemente in der Praxis miteinander besser zu verknüpfen. Die Einführung dieses Themas in den Diskurs zur Konfliktbearbeitung, insbesondere die Einbindung von Ansätzen zur Konfliktlösung in den entwicklungspolitischen Diskurs bildete einen Meilenstein, um dieses Arbeitsfeld für das Zentrum in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre fest zu etablieren.

Neben seiner angewandten Forschung und seiner reflektierenden, praxisbezogenen Arbeit war das Forschungszentrum in den 1990er Jahren außerdem stets bemüht, mit eigenen Beratungsleistungen, durch Trainingsmaßnahmen und Netzwerkarbeit die Transformation und Lösung von Konflikten innerhalb einer Gemeinschaft gleichgesinnter Organisationen zu fördern. So war das Zentrum unter anderem bei der Einrichtung der „OSZE Sommerschule“ am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung in Burg Schlaining und in der Schweiz bei der Entwicklung des ersten Kurses für ein umfassendes Mediationstraining behilflich. Es hat ferner den Aufbau der deutschen Plattform für zivile Konfliktbearbeitung und des European Peacebuilding Liaison Office (EPLO) in Brüssel sowie die Arbeit des Global Partnership for the Prevention of Armed Conflict (GPPAC) unterstützt.

2001 wurde das Resource Network for Conflict Studies and Transformation (RNCST) in Sri Lanka gegründet. Um dieses und andere praxisbezogene Projekte besser verwalten und stärken zu können, entstand 2004 neben dem Forschungszentrum eine zweite Organisation unter dem Dach von Berghof in Berlin: die Berghof Foundation for Peace Support (kurz: Berghof Peace Support). Beide Organisationen arbeiten in verschiedenen Projekten eng zusammen und versuchen dabei, die Arbeit an der Schnittstelle von Theorie und Praxis zu stärken.

Bereits 1998 begann das Forschungszentrum mit der Arbeit am Berghof Handbook for Conflict Transformation. Es wurde als ein lebendiges Internetforum für Akademiker/innen und Praktiker/innen mit dem Ziel konzipiert, über aktuelle Erfahrungen und Erkenntnisse im Feld der Friedens- und Konfliktforschung zu diskutieren. Im Jahre 2003 wurde eine erste gedruckte Version veröffentlicht, ein zweiter Band ist 2011 erschienen. Ermutigt durch das starke Interesse und eine wachsende Nachfrage am Berghof Handbook, wurden ab 2003 für besonders brisante Themen weitere Veröffentlichungsformate entwickelt, insbesondere die Berghof Handbook Dialogue Series. In dieser Reihe werden seither grundlegende Aufsätze zu ausgewählten Themen aus akademischer oder praktischer Perspektive in Einzelbeiträgen kontrovers diskutiert.

Neben dem Berghof Handbook hat das Berghof Forschungszentrum jedoch auch Praxis-Projekte in die Wege geleitet und wissenschaftlich begleitet, um Friedensallianzen zu unterstützen sowie den Dialog und Aussöhnung in Nachkriegsgesellschaften zu fördern. Forschung und Beratung konzentrierten sich vor allem auf den westlichen Balkan und die Kaukasusregion. Das Zentrum widmete sich auch Forschungen zur Theorie und Praxis der Konflikttransformation, zur Methodik der Aktionsforschung, und der Weiterentwicklung von Evaluierungsansätzen in der Friedensarbeit. Hervorzuheben ist die Beteiligung am internationalen Projekt „Reflecting on Peace Practice“, das von der US-amerikanischen Organisation Collaborative for Development Action (CDA) ins Leben gerufen wurde. Darüber hinaus nahm das Forschungszentrum aktiv an den Debatten teil, die von der Deutschen Plattform für Zivile Konfliktbearbeitung und der European Platform for Conflict Prevention angeregt wurden.

Gestützt auf die vielfältigen Erfahrungen und das angesammelte Wissen aus den vergangenen Jahren erstreckt sich das Forschungs- und Beratungsprofil heute auf die drei Themengebiete Friedenskonsolidierung und Aussöhnung in Nachkriegsgesellschaften, Widerstands- und Befreiungsbewegungen im Wandel, sowie die Interaktion von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren in der Konflikttransformation. Dieses Profil wird für Berghof Conflict Research in den kommenden Jahren bestimmend sein. Dabei wird neben drittmittelgeförderten Projekten auch die Förderung wissenschaftlicher Nachwuchsarbeiten (Dissertationen und Masterarbeiten) einen wichtigen Platz einnehmen.

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